Der Mensch wird in eine Welt geboren, in eine Natur, in eine gesetzmäßige Ordnung, die nicht zur Disposition steht.
Die Vorstellungen von Yin und Yang sind nicht aus einer fertigen Lehre entstanden, sondern haben sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Am Anfang stand keine Philosophie, sondern reine Beobachtung. Bereits zwischen etwa 1200 und 800 v. Chr. begannen Menschen im alten China, die Natur aufmerksam zu betrachten. Sie sahen wiederkehrende Gegensätze und Wechsel: Sonne und Schatten, Sommer und Winter, hell und dunkel, warm und kühl, Bewegung und Ruhe. Dabei ging es zunächst nicht um Deutung, sondern um das Erkennen von Abläufen.
Auch die Begriffe selbst haben ihren Ursprung in dieser einfachen Beobachtung. „Yin“ bezeichnete ursprünglich die schattige Seite eines Hügels, „Yang“ die sonnige Seite. Es ging also zuerst um Lichtverhältnisse in der Natur – um das, was sichtbar vor Augen lag. Die ursprünglichen Bedeutungsfelder waren:
Yin
• eher verborgen
• eher ruhig
• eher empfangend
• eher kühl
• eher innen
• eher Nacht
• eher Erde
Yang
• eher sichtbar
• eher aktiv
• eher gestaltend
• eher warm
• eher außen
• eher Tag
• eher Himmel
Diese Begriffe waren zunächst reine Naturbeobachtungen. Die Übertragung auf den Menschen geschah schrittweise zwischen etwa 700 v. Chr. und 200 v. Chr., also in der Zeit der klassischen chinesischen Philosophie.
Heute wird der Begriff Yin und Yang häufig in einer Weise verwendet, die seinem ursprünglichen Sinn nicht mehr entspricht. Aus dem Zusammenhang gelöst, entsteht oft der Eindruck eines Gegensatzes von Gut und Böse, von stark und schwach, von wertvoll und minderwertig. Besonders das „Dunkle“ des Yin wird dabei nicht selten negativ verstanden. Diese Deutung hat ihren Ursprung jedoch nicht im traditionellen chinesischen Denken, sondern ist weitgehend durch spätere westliche Vorstellungen geprägt, in denen Licht mit Gutem und Dunkelheit mit Negativem verbunden wurde. In diesem Zusammenhang wurde das Yin, das später auch mit dem Weiblichen in Verbindung gebracht wurde, zunehmend abgewertet und mit Schwäche, Passivität oder gar mit etwas Minderwertigem belegt.
Was steht jetzt genau hinter Yin-Yang?
Im Yin–Yang-Denken steht das Verstehen-Wollen im Mittelpunkt: der Mensch sucht die Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erkennen und ihre innere Logik zu begreifen.
Gehen wir jetzt zu Psalm 1, 2-3 „… und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht“, der von einem unbekannte Autor ca. 5.–4. Jahrhundert v. Chr. geschrieben wurde.
Hier richtet sich der Blick nicht ausschließlich nur auf die Natur, sondern auf Gott selbst und den Menschen in dieser Ordnung.
Es geht nicht darum, Kulturen oder religiöse Vorstellungen miteinander zu vermischen. Es zeigt sich lediglich einen sehr ähnlichen Weg im Denken.
Es gibt Menschen, die können Dinge einfach stehen lassen. Und es gibt Menschen, die das nicht können. Ich gehöre zu denen, die es nicht können 😬.
Ich muss verstehen. Ich kann Dinge nicht einfach so stehen lassen. Ich bohre solange nach, bis sich ein Zusammenhang ergibt. Dieser Prozess kann sich über Monate hinziehen.
Und bestimmt ist das nichts Besonderes – sondern einfach eine eigene Art zu denken. So wie manche Menschen laufen müssen, um sich wohlzufühlen, gibt es Menschen, die dieses „Laufen“ im Denken haben: ein inneres Getriebensein, Zusammenhänge zu erkennen.
Yin–Yang und den Psalm auf den Punkt gebracht:
Gemeinsam ist beides getragen von dem großen Wunsch, den Grund und die Logik hinter Gesetzmäßigkeiten zu verstehen, in denen das menschliche Leben steht – im Physischen wie im Geistigen.
Erkennen des Zusammenhangs
Verstehen des Lebens
Bewusstsein für das Ganze
Erkennen der Ergänzung
Denn Verstehen führt zur Entwicklung. Und Entwicklung führt zur Weitergabe.

